Tim Lutz
 - 5. April 2021

Die richtige Beschaffungsstrategie für Ihr Unternehmen

Die richtige Beschaffungsstrategie für Ihr Unternehmen

Im Rahmen der Beschaffung müssen Unternehmen eine Vielzahl an Entscheidungen treffen, die Folgen für die gesamte Fertigung und den Vertrieb haben. Mit der richtigen Beschaffungsstrategie können Sie die Effizienz Ihres Einkaufs und zahlreicher Folgeprozesse steigern sowie Einkaufs- und Produktionskosten senken. Welche Strategien es gibt, welche Vor- und Nachteile diese haben und welche Strategie für Ihr Unternehmen sinnvoll ist, erfahren Sie in diesem Beitrag.

Wozu ist eine Beschaffungsstrategie sinnvoll?

Mit der Beschaffungsstrategie kümmern sich Unternehmen darum, wie und woher sie ihre Produkte erhalten – sprich sie verteilen ihre Beschaffung auf einzelne Lieferanten. Ziel der Strategie ist, dass einerseits das Unternehmen mit allen nötigen Produkten bzw. Dienstleistungen versorgt ist. Andererseits sollte die Materialversorgung nicht nur kostengünstig, sondern auch effizient sein.  

Da es eine allgemeine Strategie ist, geht es nicht um einen konkreten Einkauf mit einer bestimmten Mengenangabe – sie wirkt eher wie eine Art Richtlinie für Lieferungen eines bestimmten Artikels. 

Zusammengefasst entscheidet eine Beschaffungsstrategie 

  1. welche Mengen,
  2. welcher Güter, 
  3. in welcher Qualität, 
  4. zu welchem Preis
  5. und bei welchen Lieferanten 

bezogen werden soll. Die strategische Beschaffung ist ein langfristiger Prozess, bei dem Unternehmen u. a. in Technologien oder kompetentes Fachpersonal investieren, um bspw. langfristige Lieferantenbeziehungen pflegen zu können.  

Alle wichtigen Entscheidungen, die Unternehmen bezüglich der Beschaffung treffen müssen, werden in der Beschaffungs- bzw. der Sourcing-Strategie festgelegt. Dazu gehören folgende Entscheidungen:

  • Make-or-Buy-Entscheidungen: Welche Teile möchten Sie selbst herstellen, welche anderswo beschaffen?
  • Möchten Sie einzelne Teile einkaufen und dann im Unternehmen montieren (z. B. Sitzbezug, Sitzheizung) oder wollen Sie ganze Module bzw. Systeme beschaffen?
  • Möchten Sie Teile oder Module bei einem, zwei oder bei mehreren Lieferanten einkaufen?
  • Möchten Sie vor Ort, also in räumlicher Nähe zu Ihrem Unternehmen, nur im eigenen Land oder weltweit einkaufen?

Hinter jeder dieser Fragen, die es im Rahmen Ihrer Planung zu beantworten gilt, versteckt sich bereits jeweils eine Sourcing-Strategie. Auf diese möchte ich im Folgenden detaillierter eingehen.

Webinar: Typische Probleme im Beschaffungsprozess und wie Sie diese beseitigen
In diesem Webinar gehen wir auf typische Herausforderungen im Beschaffungsprozess ein und decken auf, was die häufigsten Ursachen dafür sind.

Beschaffungsstrategien im Überblick

Im Wesentlichen gibt es sechs verschiedene Strategien, die Sie kennen und in Ihre Überlegungen einbeziehen sollten. Die Strategien bieten allerdings keine Alternativen, die sich gegenseitig ausschließen. Sie können auch verschiedene Strategieansätze nebeneinander umsetzen.

Modular Sourcing

Nach dem Modular Sourcing beschaffen Unternehmen nicht einzelne Teile für die Fertigung, sondern ganze Module oder Systeme. Das können in der Automobilindustrie ganze Armaturenbretter, oder im Flugzeugbau ganze Innenverkleidungen sein.

Mit sinkender Anzahl an Lieferanten, auf die ein Unternehmen angewiesen ist, verringert sich auch die Komplexität des Lieferantenmanagement, der Materialwirtschaft, der Fertigung und der Qualitätskontrolle. Für den Lieferanten ergeben sich ggf. Kostenvorteile, wenn er im großen Stil auch für andere Unternehmen produzieren kann. Diese Kostenvorteile können Sie in Preisverhandlungen gegebenenfalls abschöpfen.

Beim Modular Sourcing steigt allerdings die Abhängigkeit vom Lieferanten: Sie finden mit Sicherheit schneller einen neuen Schraubenlieferanten, als einen, der exakt die Armaturenbretter fertigt, die Sie brauchen.

Single Sourcing

Single Sourcing bedeutet, dass ein Unternehmen über einen bestimmten Zeitraum hinweg bestimmte Artikel nur von einem Lieferanten bezieht. Bleiben wir beim Beispiel eines Automobilherstellers, bedeutet das, dass dieser die 9 Mio. Felgen, die er jedes Jahr verbaut, bei nur einem Lieferanten bestellt. So entstehen enorm hohe Stückzahlen, die den Verkaufspreis senken können.

Nach dieser Strategie machen Sie sich allerdings stark von dem einen Lieferanten abhängig: Sollte dieser aus irgendwelchen Gründen (Streik, Naturkatastrophen, etc.) nicht liefern können, fehlt Ihnen nicht nur ein kleines Stück, sondern gleich der ganze Kuchen.

Beim Single Sourcing erhält ein Produzent Güter von nur einem Lieferanten.

Beim Single Sourcing erhält ein Produzent Güter von nur einem Lieferanten.

Dual bzw. Multiple Sourcing

Beim Dual bzw. Multiple Sourcing gehen Unternehmen ebendieses Problem an: Sie setzen nicht alles auf eine Karte und machen sich damit abhängig, sondern beziehen identische Ressourcen bei zwei (Dual Sourcing) bzw. mehreren voneinander unabhängigen Lieferanten (Multiple Sourcing). Bricht unserem Automobilhersteller aufgrund unvorhersehbarer Ereignisse nun eine Lieferkette weg, kann er diesen Engpass bei einem seiner anderen Felgenlieferanten ausgleichen.

Beim Multiple Sourcing erhält der Produzent eine bestimmte Güter-Art von unterschiedlichen Lieferanten.

Beim Multiple Sourcing erhält der Produzent eine bestimmte Güter-Art von unterschiedlichen Lieferanten.

Dabei müssen Unternehmen nicht zwingend die Bestellmenge in genau zwei Hälften teilen – sie können sich bspw. auch dazu entscheiden, etwa 60 % der Produkte bei einem und die restlichen 40 % beim anderen Lieferanten zu bestellen. Je nach Angebots- und Wettbewerbskonditionen können sie Anpassungen der Bestellmengen unternehmen.  

In Summe zahlen Sie beim Dual bzw. Multiple Sourcing dafür aber unter Umständen mehr und die Komplexität Ihres Lieferantenmanagements steigt an.

Local Sourcing

Eine weitere mögliche Beschaffungsstrategie ist das Local Sourcing (bzw. Domestic Sourcing), das sich mit der Frage beschäftigt, wo die Lieferanten, die Sie für Ihre Unternehmung auswählen, niedergelassen sein sollen. Beim Local Sourcing wählen Sie Lieferanten aus Ihrer Region aus.

Die Region muss dabei nicht zwangsläufig in einem einzelnen Land sein: bei kulturell ähnlichen Ländern kann ein Domestic-Sourcing-Ansatz auch über die Landesgrenzen hinausgehen. Beispiele dafür sind u. a. Deutschland-Österreich oder auch die skandinavischen Länder. 

Betreibt unser Automobilhersteller, der mehrere Standorte in verschiedenen Ländern hat, Local Sourcing, so würde er die Felgen für die einzelnen Werke jeweils aus deren Regionen beziehen. So verhindert er lange Wege, schont die Umwelt und spart sich lange Lieferzeiten und Transportkosten.

Doch da Unternehmen über eine geringere Lieferantenauswahl verfügen, müssen sie auf mögliche Preisvorteile verzichten und haben zudem einen höheren Wettbewerb als bei anderen Beschaffungsstrategien 

Global Sourcing

Betreibt der Automobilhersteller hingegen Global Sourcing, bezieht er Rohstoffe und Bauteile global. So erzielt er günstigere Einkaufspreise, weil Unternehmen aus vielen Ländern um Aufträge konkurrieren. Er kann auch Rohstoffe nutzen, die in seinem eigenen Land oder in dem Land des jeweiligen Werks nicht verfügbar sind. Zudem kann er sich für die weltweit beste Qualität entscheiden.

Er nimmt dafür aber auch längere Lieferzeiten in Kauf und geht ein Risiko bzgl. Wechselkurse in. In Ländern mit hoher Inflation könnten sich z. B. spontan Preise erhöhen. Außerdem geht er das Risiko ein, dass andere Länder z. B. durch Streiks und Unruhen instabiler sind, was die Beschaffung unzuverlässiger macht.

Forward Sourcing

Im Gegensatz zu den bereits vorgestellten Beschaffungsstrategien wird beim Forward Sourcing die Position der Wertschöpfungskette betrachtet. Das bedeutet, dass Unternehmen bei dieser Strategie ihre Lieferanten bereits in der Produktplanung miteinbeziehen und gemeinsam ein neues Produkt entwickelt 

Die Forward-Sourcing-Strategie wird üblicherweise in der Automobilindustrie eingesetzt: Lieferanten für einzelne Bauteile wie bspw. für Kurbelwellen beteiligen sich an der Entwicklung neuer Fahrzeugmodelle, damit diese an spezielle Bedürfnisse des Kunden angepasst werden können.  

Vorteil hierbei ist, dass Lieferanten über Fachwissen ihrer Produkte verfügen, das bei der Produktentwicklung eingesetzt werden kann. Des Weiteren bilden Unternehmen und Lieferant eine langfristige Geschäftsbeziehung und auch die hohe Innovationsfähigkeit stellt einen Vorteil des Forward Sourcing dar.  

Herausforderungen sind jedoch, dass Unternehmen ihre Kernkompetenzen und Geschäftsgeheimnisse teilen müssen und dadurch die Konkurrenz zu anderen Unternehmen größer ist. Zuletzt ist auch der hohe Planungsaufwand ein Nachteil, da hier viel Zeit investiert werden muss. 

Whitepaper: E-Procurement-Systeme im Vergleich

E-Procurement steigert die Effizienz in der Beschaffung, senkt Kosten und beugt Maverick Buying vor. Es bleibt die Frage, welches System das richtige für Sie ist!

Fazit

Im Rahmen einer Beschaffungsstrategie legen Unternehmen detailliert fest, wie ihre Beschaffung strukturiert sein soll. In diesem Beitrag haben Sie sechs Strategien kennengelernt.

Sie müssen sich aber nicht für eine dieser Strategien entscheiden: Vielleicht bietet sich für Material A Local Sourcing, für Material B eher Global Sourcing an. Wichtig ist nur, dass Sie sich Gedanken machen, welche Strategien für Ihre Anforderungen am geeignetsten sind und diese in einer Beschaffungsstrategie festhalten.

Als optimale Ergänzung zu ihren theoretischen Überlegungen empfehle ich Ihnen darüber hinaus ein E-Procurement-System, mit dem Sie Ihren Plan übersichtlich, effektiv und digital in die Tat umsetzen können.

Wenn Sie Fragen haben, oder sich Beratung zum Thema Beschaffungsstrategie und E-Procurement wünschen, sprechen Sie uns gerne an.

Tim Lutz

Tim Lutz

Mein Name ist Tim Lutz und ich bin der Fachbereichsleiter von Mindlogistik. Ich beschäftige mich schon seit vielen Jahren mit Logistiklösungen im SAP Umfeld.

Sie haben Fragen? Kontaktieren Sie mich!



Das könnte Sie auch interessieren

Wie die Beschaffungsprozesse abgewickelt werden – ob zentral über den Einkauf oder dezentral über die einzelnen Abteilungen – kann jedes Unternehmen für sich entscheiden. Für beide Varianten gibt es sinnvolle Argumente, die jeweils die Pro- und Kontra-Seite stützen. Wieso ich Ihnen aber eher die […]

weiterlesen

Bestellungen von Waren- oder Dienstleistungen im Alleingang – also ohne Einbeziehung der Einkaufsabteilung – schaden dem Unternehmen. Wieso? Konditionen, die vom Einkauf mit zuverlässigen Bestandslieferanten verhandelt wurden, werden womöglich nicht berücksichtigt. Zudem sind die Bestellvorgänge im schlimmsten Fall nicht im […]

weiterlesen

Beschaffungsvorgänge, die von Ihren Mitarbeitern im Alleingang getätigt werden, ohne die Einkaufsabteilung einzubeziehen, laufen auch oftmals am ERP-System vorbei. Dabei werden in den meisten Fällen auch wichtige Richtlinien umgangen. Ihre Mitarbeiter haben keinen Einblick in vorhandene Lieferantenverträge und kaufen ein, […]

weiterlesen

Schreiben Sie einen Kommentar

Bitte füllen Sie alle mit * gekennzeichneten Felder aus. Ihre E-Mail Adresse wird nicht veröffentlicht.





Ansprechpartner
Lea Sittermann
Lea Sittermann Kundenservice
Expert Session